Zum Inhalt springen Zur Suche springen

Erinnerung als Übersetzung - Übersetzung als Erinnerung

Durch den Translational Turn etablierte sich der Begriff des Übersetzens als kulturwissenschaftliches Paradigma, das die wandelbaren Konfigurationen des Wissens als Begegnung und Austausch begreift. Wenn wir nun den Begriff des Übersetzens als epistemologisches Paradigma begreifen, können wir damit auch Fragen stellen zum Verhältnis von Text und Leben: Wie kann lebensweltliche Erfahrung in Text eingehen, ohne dies als Vorstellung eines realistischen Abbilds der Welt misszuverstehen? Sowohl ‚Leben‘ als auch ‚Text‘ oder andere Medien stellen vielfältige und komplexe Konstellationen dar, die weder abschließend zu ergründen noch in ihrem Wechselverhältnis endgültig zu bestimmen wären. Eine komplexe Vorstellung vom Prozess des Übersetzens kann daher als Modell und theoretische Basis dienen, um die epistemologische Erschließung von Leben und von Erinnerung an lebensweltliche Erfahrung zu problematisieren. 

Vor dem Hintergrund dieser Fragestellung hat Vera Elisabeth Gerling in ihrem Artikel „Leben übersetzen? Eine Lektüre von ‚Die Aufgabe des Übersetzers‘“ (2018) eine neue Lektüre von Walter Benjamins Aufsatz Die Aufgabe des Übersetzers angeboten, indem hier ‚Leben‘ als das stets wandelbare ‚Original‘ verstanden wird, dem eine unendliche Anzahl potentieller ‚Übersetzungen‘, sprich Texte, zur Seite stehen, die wiederum nur im Wechselspiel mit dem Original existieren können. Nachgegangen wird dabei einem ästhetischen Zugriff auf das Leben, bei dem Erfahrungsintensitäten je spezifisch verortetes Wissen erlebbar machen. In einer Vielzahl von Texten (s. Publikationen) wird anhand konkreter Beispiele der Frage nachgegangen, wie sich dies in literarischen Texten nachweisen lässt. 

 

Unter dem Motto „Dinámicas de transferencias e hibridación / Transfer und Hybridisierung“ fand vom 12.-14.03.2025 an der Universität Hamburg der 24. Hispanistiktag statt. Bei dieser vom Hispanistikverband organisierten Tagung organisierte Vera Elisabeth Gerling gemeinsam mit Claudia Jünke und Javier Ferrer Calle (beide Universität Innsbruck) eine Sektion zum Thema „Violencia, memoria y traducción: La circulación de memorias literarias y culturales en contextos globales“ (Gewalt, Erinnerung und Übersetzung: Die Zirkulation von literarischen und kulturellen Erinnerungen in globalen Kontexten).

Vorgestellt wurden in der Sektion Beiträge, in denen die drei genannten Bereiche, also Gewalt, Erinnerung und Übersetzung gemeinsam betrachtet wurden. Es ging dabei also um Dynamiken des Transfers von literarischen und kulturellen Erinnerungen an Gewaltkonflikte, die die Geschichte spanischsprachiger Länder geprägt haben, und deren Fortwirken sowohl innerhalb des hispanophonen Raums als auch in nicht-hispanophone Sprach- und Kulturräume hinein. 

Weitere Informationen finden sich hier.

Ein Sammelband mit Aufsätzen, die aus den dort vorgestellten Themen entstanden sind, befindet sich in Vorbereitung.

Gerling, Vera Elisabeth; Jünke, Claudia; Ferrer Calle, Javier. 2026. Violencia, memoria y traducción: La circulación de memorias literarias y culturales en contextos globales, in Vorbereitung.

Gerling, Vera Elisabeth. 2024. „Translating genocide? The case of Rwanda in the works of Esther Mujawayo“, in: Jünke, Claudia; Schyns, Désirée (Hg.): Translating Memories of Violent Pasts – Memory Studies and Translation Studies in Dialogue, New York / London: Routlege, S. 142-160.

Gerling, Vera Elisabeth. 2023. „Buscando palabras: Recordar la Guerra Civil en España en el corazón de Pablo Neruda“, in: Luz C. Souto & Anthony Nuckols (Hg.): Repercusiones internacionales sobre la Guerra Civil y el franquismo. Memorias empuñadas desde la periferia literaria. Lausanne et al.: Peter Lang, S. 137-152.

Gerling, Vera Elisabeth. 2021. „(Re-)traducir lo (in-)traducible: Pedro Páramo según Juan Rulfo, Mariana Frenk y Dagmar Ploetz“, in: Borsò, Vittoria; Schmidt-Welle, Friedhelm (Hg.): La contemporaneidad de Juan Rulfo, Frankfurt am Main/Madrid: Iberoamericana / Vervuert, S. 175-202.

Gerling, Vera Elisabeth. 2021. „Transnationales Erinnern zwischen den Sprachen: Nachtleuchten von María Cecilia Barbetta“, in: Neumann, Birgit (Hg.): Die Sichtbarkeit der Übersetzung, Tübingen: Narr, S. 213-237.

Gerling, Vera Elisabeth. 2019. „Valery Larbaud et Henri Bergson. La gare de Cahors comme lieu de transition“, in: Cahiers Valery Larbaud 55, S. 95-110.

Gerling, Vera Elisabeth. 2018. „Leben übersetzen? Eine Lektüre von ‚Die Aufgabe des Übersetzers‘“, in: Klein, Sonja; Solibakke, Karl; Witte, Bernd (Hg.): Übersetzungen. Translations. (Benjamin Blätter), Würzburg: Königshausen & Neumann, S. 49-64.

Gerling, Vera Elisabeth. 2017. „La traduction comme modèle de la transgression du texte, de l’identité et du sujet chez Valery Larbaud“, in: Cahiers Valery Larbaud 52, S. 129-146.

Gerling, Vera Elisabeth. 2016. [peer review] „Transmedial translation of 23-F in Anatomía de un instante (Javier Cercas)“, in: Journal of Romance Studies 16/3. S. 39-58.

Gerling, Vera Elisabeth. 2014. [peer review] “Atahualpa im Hotel: postkoloniale Lebenswirklichkeit in Valery Larbauds Poésies de A.O. Barnabooth”, in: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte, 38/1-2, S. 115-130.

Gerling, Vera Elisabeth. 2013. [peer review] „Übersetzerisches Denken und Lebenswirklichkeit in Valery Larbauds Poésies de A.O. Barnabooth“, in: Lendemains, 38/150-151, S. 76-96.

Gerling, Vera Elisabeth. 2010. „El género de la novela policíaca como superficie y pliegue textual: La pesquisa de Juan José Saer“, in: Enrique Rodrigues-Moura (Hg.): Indicios, señales y narraciones: Literatura policíaca en lengua española. Innsbruck: innsbruck unitersity press, S. 173-187.