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Deutschsprachige Übersetzungen der Essais von Michel de Montaigne

Der französische Philosoph Michel de Montaigne (1533-1592) gilt mit seinem Hauptwerk, den Essais, als Begründer dieser literarischen Gattung. Seine Essais liegen in drei deutschsprachigen Gesamtausgaben vor: die erste von Johann Daniel Tietz (1753/54), die zweite von Johann Joachim Christoph Bode (1793-1799) und schließlich, mit zweihundert Jahren zeitlichem Abstand, die dritte von Hans Stilett (1998). Daraus ergeben sich Fragen nach der Rezeptionsgeschichte Montaignes in Deutschland, insbesondere in Hinblick auf die Bedeutung der Neuübersetzung von Stilett. 

Hans Stilett (geboren als Hans Adolf Stiehl, 1922-2015) war Literaturwissenschaftler, Dichter und Übersetzer. Er arbeitete von 1953 bis 1983 als leitender Redakteur im Bundespresseamt, bevor er in Bonn ein Studium der Germanistik, Komparatistik und Philosophie aufnahm. 1989 wurde er mit einer Arbeit zu Montaignes Journal de voyage promoviert. Über Jahre arbeitete er an seiner modernen Neuübersetzung der Essais, die schließlich 1998 im Eichborn Verlag erschien. 

Von besonderem Interesse für die Beschäftigung mit Stiletts Übersetzung ist sein Nachlass, der sich im Rheinischen Literaturarchiv im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf befindet. Aus der Arbeit mit den Archivmaterialien konnten erste Erkenntnisse zur Übersetzungsstrategie Montaignes sowie seiner Rolle als Akteur des literarischen Feldes gewonnen werden. Im Rahmen des Projektseminars „‘Que sais-je?‘“ Michel de Montaigne: Rezeption und Übersetzung“ erhielten 2021 auch Studierende die Möglichkeit, sich mit der Archivarbeit vertraut zu machen. 

Gerling, Vera Elisabeth & Hypolite Kembeu. 2026. „Zur Sichtbarkeit Hans Stiletts als Übersetzer von Montaignes Essais ins Deutsche: Strategien der Rezeption und Vermittlung." In: Andrea Grewe, Olav Krämer und Susanne Schlünder (Hg.). Die internationale Rezeption von Michel de Montaignes ›Essais‹. Formen, Deutungen, Konjunkturen. Berlin/Boston: de Gruyter, 217-240. 

Gerling, Vera Elisabeth & Hypolite Kembeu. 2022. „Zur Sichtbarkeit Hans Stiletts als Übersetzer von Montaignes Essais ins Deutsche: Strategien der Rezeption und Vermittlung", im Rahmen der Tagung: „Die internationale Rezeption von Michel de Montaignes Essais. Formen, Deutungen, Konjunkturen", Interdisziplinären Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (IKFN) Osnabrück, 01.-02.12.2022

Da Stiletts Nachlass bislang noch nicht wissenschaftlich erschlossen wurde, bietet er viele Möglichkeiten für neue Forschungsansätze und Entdeckungen. 

Ein besonderer Fund für das Projekt ist ein Blatt mit Notizen zu Donald M. Frames wissenschaftlicher Studie Montaigne's Discovery of Man (1955), auf dem am Ende in Majuskeln und rot umrandet das Wort “IRONIE” steht. Dies verweist repräsentativ auf einen wichtigen Aspekt in Stiletts Übersetzungsstrategie, bei der verschiedene Formen des ironischen Ausdrucks in Montaignes Werk auch in seiner deutschen Fassung sehr deutlich herausgestellt sind. 

Als aufschlussreich erwiesen sich ebenfalls die Korrespondenzen Stiletts. Hierzu zählt die Korrespondenz mit der Robert Bosch Stiftung und den Verlagen Suhrkamp, Eichborn, Deutsche Verlagsanstalt, Klett-Cotta, Manesse, Klaus Wagenbach, Artemis & Winkler, Diogenes, Haffmans und Eichborn. Des Weiteren wurden die Briefe aus der Korrespondenz zwischen dem Übersetzer und Hans Magnus Enzensberger ausgewertet, den Stilett schließlich von der Publikation seiner Übersetzung in der „Anderen Bibliothek“ im Eichborn Verlag überzeugen konnte und mit dem er sich dann über einige seiner eigenwilligen Übersetzungsentscheidungen auseinandersetzte. Bei der Auswertung wurde Stiletts Rolle als Akteur des literarischen Feldes deutlich, denn er übersetzte nicht nur die Essais als Gesamtwerk, sondern suchte auch unermüdlich nach Förderern und Verlagen für seine moderne Fassung dieses Werks. 

Im Sommersemester 2021 fand ein Projektseminar für Masterstudierende der Fächer Romanistik und Literaturübersetzen an der Heinrich-Heine-Universität mit dem Titel „‘Que sais-je?‘“ Michel de Montaigne: Rezeption und Übersetzung“  statt. Ziel dieses Kurses war sowohl eine Einarbeitung in das Werk Michel de Montaignes, insbesondere seiner Essais, die in Auszügen gelesen wurden, als auch eine kritische Betrachtung der Rezeptions- und Übersetzungsgeschichte. So wurden die Übersetzungen der deutschen Gesamtausgaben von Johann Daniel Tietz und Johann Joachim Bode mit der Neuübersetzung von Hans Stilett verglichen und in ihrem jeweiligen Kontext gelesen. 

Zum Seminar gehörte auch Archivarbeit im Heinrich-Heine-Institut (HHI), wo der Nachlass von Hans Stilett lagert. Was als Präsenzseminar mit gemeinsamen Sitzungen in der Bibliothek des HHI geplant gewesen war, musste aufgrund der Pandemiezeit in ein Online-Seminar per Videokonferenz umgewandelt werden. Die Besuche im HHI und die Sichtung des Materials konnten trotzdem stattfinden in Form von Einzelterminen der Studierenden, die dann vor Ort von Herrn Martin Willems im Umgang mit den Archivalien angeleitet wurden.  

Im Sinne des forschenden Lernens hatten die Masterstudierenden Gelegenheit, eigenständig Funde herauszusuchen und zu kommentieren. Gerade durch die praktische Recherche konnten sie sich eingehend mit dem Lebenswerk und der Arbeitsweise eines sehr produktiven Übersetzers auseinandersetzen. Durch das forschende Lernen in Kombination mit theoretischen Überlegungen zu Rezeptionshistorie und Übersetzungsvergleichen wurde verdeutlicht, welchen Einfluss Übersetzungen auf den Wissenstransfer haben.