Didaktik des Literaturübersetzens in Zeiten von KI
Die sogenannte künstliche Intelligenz wird das Leben in vielen Bereichen nachhaltig verändern. Dies gilt auch für die Welt der Übersetzung, in der sich schon jetzt neue Arbeitsfelder eröffnen, bei denen dann nicht mehr das Übersetzen selbst im Mittelpunkt steht, sondern das Organisieren von Prozessen durch Sprachdienstleister. Dies gilt zumindest für den Bereich der Sach- und Fachtextübersetzung.
Wie nun lässt sich einschätzen, welche Möglichkeiten das maschinelle Übersetzen und mehr noch die KI bieten, wenn es um das Übertragen von solchen Texten geht, die sich gerade durch kreativen Umgang mit Sprache auszeichnen, deren Ästhetik gerade im Bruch mit Sprachnormen besteht oder deren Rhythmus auch die körperliche Wahrnehmung von Text spürbar macht? Wo kommen diese auf den ersten Blick so hilfreichen Tools an ihre Grenzen, und was bedeutet dies für das Übersetzen literarischer Texte? Was folgt daraus für die didaktische Vermittlung des Literaturübersetzens, wenn man sich den Möglichkeiten der neuen Technologien nicht verschließe möchte?
Es erscheint jedenfalls unabdingbar, Studierenden auch eine „machine translation literacy“ mit auf den Weg zu geben, damit sie im souveränen Umgang mit den Möglichkeiten der maschinellen oder gar KI-generierten Übersetzung vertraut sind, diese auch in das eigene Arbeiten integrieren können und sich auf dem Buchmarkt dazu positionieren können. Denn dort werden hohe Erwartungen daran geknüpft.
Vor dem Hintergrund dieser neuen Herausforderungen an das Übersetzen und seine Didaktik haben Dr. Belén Santana von der Universität Salamanca und Prof. Dr. Vera Elisabeth Gerling für das Sprachenpaar Spanisch-Deutsch seit 2022 unterschiedlichste Formate des Erprobens und Analysierens entwickelt, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Eine engere Zusammenarbeit zum Thema Literatur in Theorie und Praxis besteht zwischen den beiden Wissenschaftler:innen seit der gemeinsamen Organisation eines Podiums zum Thema „Literarisches Übersetzen: Wechselwirkungen von Theorie und Praxis“ im Rahmen der MLA-Tagung an der HHUD am 24.06.2016. Im Folgenden werden verschiedene Elemente des Projekts kurz erläutert:
Gerling, Vera Elisabeth & Belén Santana. 2025. „Wenn es wackelt und verrutscht: KI als Herausforderung für die Didaktik des Literaturübersetzens“, Trans-kom, 18 (1), pp. 47-69.
Santana-López, Belén & Vera Elisabeth Gerling. 2025. „Traducir literatura en la era de la IA: límites y posibilidades“, in: Juan Pablo Hernández-Ramos & Alberto Ortiz-López: Buenas Prácticas Docentes con Inteligencia Artificial: Una mirada desde la práctica en Educación Superior, Madrid: Gredos, 37-44.
Santana López, Belén & Vera E. Gerling. 2025. „Si no puedes con el enemigo, únete a él. Sobre los límites y las posibilidades de la IA en la didáctica de la traducción literaria“, in: Carmen Alberdi Urquizu & Marian Panchón Hidalgo (Hg.): ¿Traductor o traductoide? Reflexiones en torno al uso de la inteligencia artificial en traducción literaria, Valladolid: Ediciones Universidad de Valladolid, 141-165.
Fried, Leslie & Vera Elisabeth Gerling & Belén Santana López. 2024. „Mit KI, aber wann und wie? Einblick in die Didaktik des Literaturübersetzens“, Kollektive Intelligenz, o.S.
Gerling, Vera Elisabeth & Belén Santana López. 2018. Literaturübersetzen als Reflexion und Praxis. Tübingen: Narr (Reihe TRANSFER 24).
Gerling, Vera Elisabeth & Belén Santana López. 2024. „KI als Herausforderung für die Didaktik des Literaturübersetzens“, im Rahmen der Tagung „Creativity and Translation in the Age of Artificial Intelligence“, Innsbruck, 11.-13.01.2024
Gerling, Vera Elisabeth. 2025. „La traducción literaria en tiempos de la IA: un proyecto de innovación docente entre la Universidad de Salamanca y la Universidad Heinrich Heine de Düsseldorf”, im Rahmen der Tagung „Entrelazamientos“ an der Universität Siegen, 03.06.2025
In einem Co-Teaching-Seminar, das im Wintersemester 2023/23 an der HHUD abgehalten wurde, entwickelten Belén Santana López und Vera Elisabeth Gerling ein neues, strukturiertes Vorgehen im Seminar Übersetzen literarischer Texte Spanisch-Deutsch, das im Master Literaturübersetzen angeboten wird. Die Ausgangstexte wurden zunächst von allen gemeinsam mit Kommentaren versehen, in denen Fragen aufgebracht und auch möglichst beantwortet wurden, um sich ein möglichst umfassendes Textverständnis zu erarbeiten. Dabei konnten z.B. stilistische Eigenschaften des Textes, mögliche Besonderheiten in Wortwahl und Syntax, intertextuelle Verweise und andere Auffälligkeiten zur Textästhetik genannt und im Hinblick auf die Herausforderungen beim Übersetzen reflektiert werden. Nach der eigenen Übersetzung und der gemeinsamen Begutachtung und Analyse der studentischen Übersetzungen, wurde dann die publizierte Übersetzung zur Verfügung gestellt. Nach dem Motto „von Profis lernen“ wurden diese Texte dann wiederum kommentiert. Dabei ging es insbesondere darum, die Übersetzungsstrategie der professionell Übersetzenden herauszuarbeiten, um davon zu lernen – auch durch abwägenden Vergleich mit den studentischen Versionen.
Finanziell gefördert durch das Programm “Hochschuldialog mit Südeuropa” vom DAAD war es möglich, im November 2024 ein von den Universitäten in Salamanca und Düsseldorf gemeinsam organisiertes Blockseminar an der Universität Salamanca stattfinden zu lassen. Im Rahmen dieses sprachübergreifenden Projetseminars konnte Studierenden beider Universitäten sich eine Woche lang Wissen über maschinelles Übersetzen und KI aneignen und anhand von angeleiteten Übungen ein Gespür dafür entwickeln lassen, bei welchen Arbeitsschritten die Einbindung von Tools sinnvoll sein kann und wo hier im Gegenteil auch ein hohes Fehlerpotential festzustellen ist. Über verschiedene Formate der Wissenschaftskommunikation wurden die Ergebnisse auch vor einem breiteren Publikum präsentiert:
- Öffentliche Veranstaltung zum Abschluss der Projektwoche in der Casa de la Conchas in Salamanca [Plakat Veranstaltung]
- Podcasts für das Radioprogramm „Don de Lenguas“ der Universität Salamanca:
- Vortrag von Belén Santana an der Universität Salamanca im Rahmen der Veranstaltung “Buenas Prácticas Docentes con Inteligencia Artificial: Una mirada desde la práctica en Educación Superior” im November 2025. Daraus entstand eine schriftliche Dokumentation in der gleichnamigen Publikation im Verlag Gredos, hier die Seiten 37-44.
- Projektpräsentation beim Netzwerktreffen von Petra-E, dem europäischen Netzwerk zur Didaktik des Literaturübersetzens, durch Vera Elisabeth Gerling am 28.11.2025.
Ausführlich wird hierzu auch auf unserer Projektseite berichtet.
Mit Mitteln des E-Learning Förderfonds der HHU konnte Prof. Dr. Vera Elisabeth Gerling gemeinsam mit Dr. Belén Santana López von der Universidad de Salamanca ein Projekt zur Didaktik des Literaturübersetzens mit digitalen Selbstlerntools durchführen. Ziel war es, anhand kommentierter Textversionen von Ausgangstext und Übersetzung die Grundlage für eine einführende didaktische Einheit zum Literaturübersetzen zu schaffen. Dabei sollte durch die Kommentare eine Sensibilisierung für die Komplexität von Textanalyse und Übersetzungsentscheidungen ermöglicht werden.
In einem Co-Teaching-Seminar der beiden Dozentinnen mit Studierenden aus dem Master Literaturübersetzen wurde ein Ausschnitt aus Ramón J. Senders Roman Requiem por un campesino español und dessen Übersetzung von Thomas Brovot bearbeitet. Die dabei generierten Fragen und Kommentare wurden überarbeitet und mithilfe der Open Source-Software TEI (Text Encoding Initiative) in den Text eingearbeitet, sodass eine interaktive Oberfläche entstand. Im Sommersemester 2025 konnten Studierende des Masters Literaturübersetzen erstmals mit dem Selbstlerntool arbeiten. Das Format wurde sehr positiv evaluiert, auch wenn darauf hingewiesen wurde, wie wichtig der Austausch im Präsenzseminar ist.